26. April 2021

Physiotherapie: Ausbildung und Studium heute

Der Gesundheitsbereich ist im Wandel und gute Fachkräfte werden immer mehr gesucht   das zeigt Corona noch einmal deutlich. Gerade in den Heilmittelbereichen, also in der Physiotherapie, Ergotherapie, Podologie und Logopädie werden Nachwuchskräfte knapp. Wir von Praxis-Profi wollen uns in diesem Artikel einen Bereich genauer ansehen: die Physiotherapie. Wie ist die Ausbildung aufgebaut? Ist eine schulische oder betriebliche Ausbildung sinnvoll? Welche Vorteile bietet ein Studium in dieser Branche? Wir klären dich auf. 

Die Inhalte im Überblick

Physiotherapie Ausbildung

Physiotherapie Studium

Was können Praxisinhaber ihren Studenten/ Azubis anbieten? 

Welche Anbieter von Schulen / Unis gibt es? 

Laut einer Statistik von Physio Deutschland, gibt es derzeit 255 Physiotherapieschulen in Deutschland (Stand: 21.01.2021). Eine Übersicht aller Schulen gibt es hier. Grundsätzlich wird zwischen staatlichen/öffentlichen Schulen, die kostenfrei sind, und privaten Schulen, die Lehrgeld erheben, unterschieden. 

Physiotherapie Ausbildung 

Die dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin, zum Physiotherapeuten kann an staatlichen oder privaten Schulen der Physiotherapie durchlaufen werden und schließt mit einer staatlichen Prüfung ab. Dieser Weg ist in Deutschland derzeit die Regelausbildung zum Physiotherapeuten.  

Vorteile

  • Kennenlernen des Alltags in verschiedenen Fachabteilungen in Krankenhäusern/Praxen/Reha-Einrichtungen und Vermittlung von praxisrelevanten Inhalten  
  • Fokus liegt auf der Arbeit mit/am Patienten durch verschiedene Praktika 
  • Etabliertes und geprüftes Ausbildungssystem
  • Vielzahl an staatlichen und privaten Schulen/Ausbildungsstätten 
  • Sehr gute Übernahmechancen durch einen direkten Bezug zu einem Arbeitgeber 
  • Flexibler Ausbildungsstart, der von Schule und Bundesland abhängt 
  • Möglichkeit zur Kombination mit einer Ausbildung zum Gymnastiklehrer 
  • Verkürzung möglich bei vorhandenem Abschluss als Masseur oder Medizinischer Bademeister 

Nachteile

  • Hohe Kosten (vor einem (vollständigen) Wegfall der Schulgebühren) im Vergleich zu einem Studium 
  • Geringes oder gar kein Einkommen während der schulischen Ausbildung 
  • Möglicherweise auslaufendes Modell nach einer zunehmenden Akademisierung und Professionalisierung des Berufsfeld 
  • Anrechnung im Ausland schwierig, da ein Studienabschluss innerhalb der EU Standard ist 

Kosten der  Physiotherapie Ausbildung  

In den letzten Jahren hat es mit Blick auf die Kosten einer Physiotherapie Ausbildung einige signifikante Änderungen gegeben. Ziel ist es, die Situation der Auszubildenden zu verbessern und im Zuge des Fachkräftemangels mehr junge Menschen von einer Ausbildung in der Physiotherapie zu überzeugen. 

1. Schulgeldfreiheit

Bisher galt fast immer: Eine Ausbildung zur Physiotherapeutin bzw. zum Physiotherapeuten kostet Geld. Um den Beruf attraktiver zu machen, hat die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD das Thema “Schulgeldfreiheit” in ihrem Koalitionsvertrag verankert. Eine bundeseinheitliche Regelung dazu gibt es nämlich noch nicht. Viele Bundesländer haben allerdings vorzeitig eigene Regelungen eingeführt und das Schulgeld eigenmächtig in ihren Schulen abgeschafft. Seit Herbst 2018 gibt es dafür die ersten Umsetzungsbeschlüsse. Ein Gutachten des Bundesministerium für Gesundheit (BMG) zeigt, dass im Schuljahr 2018/19 mehr als 60% Prozent der Ausbildungsgänge schulkostenpflichtig waren. Im Durchschnitt lag das Schulgeld bei monatlich etwa 250 Euro. Bei drei Jahren Ausbildung summiert sich das auf ca. 10.000€. 14 von 16 Bundesländer haben heute (Stand: Januar 2021) das Schulgeld entweder komplett gestrichen oder Förderprogramme eingesetzt, die das Schulgeld bezuschussen. Der deutsche Verband für Physiotherapie hat eine aktuelle Übersicht, welche Regelungen in welchen Bundesländern gelten. 

2. Ausbildungsvergütung

Die Ausbildung an einer schulischen Einrichtung wird in der Regel nicht vergütet. An Einrichtungen des öffentlichen Dienstes (oder vergleichbaren Institutionen) gibt es eine Ausbildungsvergütung zwischen ca. 1.000 und 2.000€ je nach Ausbildungsjahr. 2019 wurden Universitätskliniken an den Tarifvertrag der Länder angeschlossen und an kommunalen Krankenhäusern eine Vergütung eingeführt. Diese Plätze haben häufig komplexe Auswahlverfahren und sind limitiert, denn 2019 erhielten nur 7,5% der Auszubildenden in der Physiotherapie eine Vergütung.  

Physiotherapie Ausbildung und Studium

Angehende Therapeuten haben mehrere Möglichkeiten in den Beruf zu starten.

Physiotherapie Studium

Im Zuge der Akademisierung diverser Berufe im Gesundheitsbereich, gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit im Bereich Physiotherapie ein Studium abzulegen. In vielen anderen Ländern ist das bereits seit vielen Jahren Status-Quo; Deutschland ist einer der wenigen EU-Staaten, die eine Physiotherapie Ausbildung nicht flächendeckend auf akademischer Ebene anbieten. Inhaltlich legen Bachelor-Studiengänge der Physiotherapie in Deutschland einen ähnlichen Schwerpunkt, wie die schulische Ausbildung. Hier geht es vor allem um die vier Teilbereiche Prävention, kurative Versorgung, Rehabilitation und palliative Versorgung. Darüber hinaus gibt es Schwerpunkte in den Bereichen Gesundheitsversorgung, Gesundheits- und Therapiewissenschaften, Health Care Studies oder der Neurorehabilitation. Bei der Auswahl von Studiengängen gibt es hier etwas mehr Flexibilität, als bei der Auswahl von schulischen Ausbildungsangeboten bzw. Berufsfachschulen. Einzelne Fachbereiche können mit Masterstudiengängen weiter vertieft werden. Wer sich darüber hinaus für die Lehre qualifizieren möchte, der findet eine Auswahl an Studiengängen im Bereich Berufspädagogik. 

Vorteile

  • Starke Verknüpfung von aktueller Theorie und Forschungserkenntnissen und der beruflichen Praxis 
  • Erweiterte Kompetenzen in der evidenzbasierten Forschung und Arbeit und in den Bereichen Management, Gesundheitsökonomie und –politik sowie Internationalisierung 
  • Möglichkeit Einblicke in die internationale Forschung/Arbeit im Berufsfeld zu erlangen durch Auslandsaufenthalte/Auslandspraktika  
  • Spezielle fachliche Vertiefungen und Möglichkeit zur Arbeit in der Forschung durch Masterstudium und Promotion 
  • Schwerpunktlegung im Bereich Lehre durch Studiengänge der Berufspädagogik 
  • Qualifizierung für Leistungs- und Leitungspositionen in Praxen, Krankenhäusern oder Rehaeinrichtungen

Nachteile

  • Weniger Berufspraxis und Erfahrung im Arbeitsalltag bei primärqualifizierenden Studiengängen 
  • Hohe Doppelbelastung aus Studium und Ausbildung bei dualen/berufsbegleitenden Studiengängen 
  • Studiengebühren übersteigen (wegfallende) Schulgebühren
  • (Fach-)Abitur als Zulassungsvoraussetzung  
  • Akademisierung kann zu einer “Spaltung der Berufsgruppe” in studierte und nicht-studierte Physiotherapeuten führen 

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Die Akademisierung der Physiotherapie

2001

Die ersten Fachhochschulen bieten den Erwerb eines akademischen Grades im Bereich der Physiotherapie an. Diese Abschlüsse können allerdings nur ausbildungs- bzw. berufsbegleitend abgelegt werden und setzen daher entweder eine schulische Ausbildung oder aber einige Jahre Berufserfahrung voraus.

2005

Vier Jahre später werden die ersten Masterstudiengänge etabliert, da die ersten Jahrgänge der Bachelorstudiengänge ihr Studium absolviert haben. 

2010

 Neben der schulischen Ausbildung besteht nun die Möglichkeit auch ohne vorhausgehende oder begleitende Fachschulausbildung ein Studium im Bereich der Physiotherapie vorzunehmen. Diese primärqualifizierenden Studiengänge sind nun eine ergänzende Möglichkeit eine Berufszulassung als Physiotherapeut zu erlangen. In der Regel erfolgt ein Studium mit dem Abschluss “Bachelor of Science”. 

Aus dieser Entwicklung ergibt sich die Unterteilung der Studienangebote in der Physiotherapie in die folgenden drei Bereiche: 

1. Primärqualifizierendes Studienangebot

Nach der Verabschiedung im Bundestag und Bundesrat, wurde 2010 eine Modellklausel in die Berufsgesetze von Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Hebammen eingeführt. Ziel ist es, die Akzeptanz, Relevanz und Qualität von primärqualifizierenden Studiengängen zu testen und zu evaluieren. Die Erstellung von Studiengangsplänen, sowie die Konzeption und Durchführung der Studiengänge liegen bei den jeweiligen Hochschulen. Auch die Voraussetzungen zum Beginn eines grundständigen Studiums der Physiotherapie unterscheiden sich von Hochschule zu Hochschule. In der Regel reicht bei Fachhochschulen ein Fachabitur. An 15 Hochschulen (7x privat, 8x staatlich) in derzeit 10 Bundesländern kann Physiotherapie primärqualifizierend studiert werden.  

Die Modellphase mit der Möglichkeit Physiotherapie primärqualifizierend zu studieren wurde vom Bundestag bis zum 31.12.2021 im Rahmen des Dritten Pflegestärkungsgesetzes (PSG III) verlängert.  

Technische Hochschule rosenheim

Bachelor of Science Physiotherapie, Technische Hochschule Rosenheim, 7 Semester (nach 6 Semestern staatliche Prüfung, nach 7 Semestern der akademische Abschluss) 

Berufsakademie für Gesundheits- und Sozialwesen Saarland

Bachelor of Science Physiotherapie, Berufsakademie für Gesundheits- und Sozialwesen Saarland, 7 Semester (nach 6 Semestern staatliche Prüfung, nach 7 Semestern der akademische Abschluss) 

2. Ausbildungsintegriertes und/oder duales Studienangebot 

Zur besseren Vernetzung von Theorie und Praxis, gibt es die Möglichkeit Ausbildung und Studium im Bereich der Physiotherapie zu kombinieren. Ein solches Hochschulstudium beinhaltet hier eine dreijährige schulische Ausbildung, wobei alle Studierenden nicht nur Teil der Hochschule sind, sondern auch Mitglied einer kooperierenden Fachschule. Im ersten Teil des Studiums finden Kurse an der Hochschule und die schulische Ausbildung parallel statt. Wenn der schulische Teil erfolgreich bestanden ist und die staatliche Prüfung zum Physiotherapeuten abgelegt wurde, folgen weitere Fachsemester an der Hochschule. Hier können vor allem besondere Fachbereiche oder die akademische Forschung vertieft werden. Der Studienteil schließt mit dem Verfassen einer Bachelorarbeit ab. Die meisten Hochschulen unterscheiden hier zwischen zwei Varianten: Unter dem Begriff “ausbildungsintegriert” findet man Modelle, die Ausbildung und Studium stark miteinander vernetzen. Laufen beide Teile eher getrennt voneinander und nur zeitlich parallel ab, nennt man das Modell “dual”. Die Abschlüsse sind jedoch in beiden Fällen gleich, daher kann die Auswahl hier nach persönlichen Präferenzen stattfinden. 

Ausbildungsintegrierend

Bachelor of Science Interprofessionelle Gesundheitsversorgung, Universitätsklinikum Heidelberg, 8 Semester 

Dual/Ausbildungsintegrierend

Bachelor of Science Physiotherapie, Hochschule Osnabrück, 6 Semester (Zuerst 3 Semester an einer kooperierenden Berufsfachschule, dann 3 Semester an der Hochschule Osnabrück 

Internationale Möglichkeiten

Die Hochschule Osnabrück bietet die Möglichkeit eines internationalen Schwerpunkts im Bereich “International Physiotherapy” im Rahmen ihres Bachelorstudiums an. Hierbei werden Auslandssemester und -einsätze an kooperierenden Hochschulen und Instituten in Australien, der Schweiz oder Irland absolviert und anerkannt. 

Interview zur Ausbildung & zum Studium der Physiotherapie

Nick Buchwald verrät im Gespräch mit Praxis-Profi, wie sich der Wegfall des Schulgeldes auf die Ausbildung in der Physiotherapie auswirkt.

3. Berufsbegleitendes Studienangebot 

Wer bereits eine schulische Ausbildung absolviert hat, staatlich geprüft ist und Berufserfahrung mitbringt, der kann sich berufsbegleitend mit einem Studium weiterbilden. Dieses Studienmodell bietet sich vor allem für all diejenigen an, die gerne noch einmal fachliche Inhalte vertiefen möchten oder die Lust auf akademisches Arbeiten haben, die jedoch vor der Etablierung von Studiengängen ihre Ausbildungen abgeschlossen haben. Da hier bereits ein Ausbildungsabschluss und Wissen aus dem Berufsalltag vorliegen, kann das Studium in aller Regel um mindestens drei Semester verkürzt werden. Individuelle Einstufungsprüfungen und Gespräche der einzelnen Hochschule ermitteln für jeden Interessenten, wo genau eine Anrechnung stattfinden kann und Sinn macht. Ein solches Studium kann dann parallel zum Beruf stattfinden, oder beispielsweise während eines Sabbaticals (d.h. einer zeitlich begrenzten beruflichen Auszeit). 

Bachelor of Science Motorische Neurorehabilitation

Universität Konstanz, 6 Semester 

Bachelor of Science Angewandte Therapiewissenschaften

Hochschule Bremen, 6 Semester (3 Semester an der Hochschule Bremen, 3 Semester werden aus der abgeschlossenen Fachschulausbildung anerkannt) 

Master of Science Interdisziplinäre Gesundheitsförderung

Hochschule Furtwangen zusammen mit der Universität Freiburg, 4 Semester (Bachelorstudium und ein Jahr Berufserfahrung vorausgesetzt; Schwerpunkt “Orthopädische Manuelle Therapie” möglich) 

Master of Science Versorgungsforschung und Implementierungswissenschaft im Gesundheitswesen

Universitätsklinikum Heidelberg, 4 Semester (forschungsorientiertes akademisches Qualifizierungsprogramm an der Schnittstelle von Medizin, Gesundheitswissenschaften und Gesundheitsversorgung) 

 Nach dem erfolgreichen Absolvieren eines Bachelor- und Masterstudiengangs im Bereich Physiotherapie kann in einigen Fällen (bei ausreichender Qualifizierung) eine Promotion angeschlossen werden. Der Anteil der Physiotherapeuten die zu einer staatlichen Prüfung auch noch einen akademischen Abschluss haben oder ausschließlich mit akademischem Abschluss arbeiten ist mit einem einstelligen Prozentbereich am Anteil der gesamten Berufsgruppe noch sehr gering. Die Tendenz ist jedoch steigend und das Angebot wird zunehmend ausgebaut. 

Kosten des Studiums

Bei einem Studium fallen in der Regel Semestergebühren in Höhe von 200 bis 500€ an, die halbjährlich gezahlt werden. Zur Finanzierung können Vollzeitstudierende auf BAföG, Studierendendarlehen oder Stipendien zurückgreifen. 

Was können Praxisinhaber ihren Studenten/ Azubis anbieten? 

Für Praxisinhaber gibt es verschiedene Möglichkeiten, ihre Studenten oder Auszubildenden zu unterstützen. Die größte Entlastung ist hier sicherlich eine (Teil-)übernahme der Studien- und/oder Schulkosten oder das Angebot eines Arbeitgeberdarlehens für einen Teil der Kosten. Darüber hinaus können Sachmittel, wie Therapiegegenstände, Fach-/Arbeitsbücher oder technische Hardware wie Laptops oder Tablets bezuschusst oder übernommen werden. Gerade bei einer weiteren Anreise zur Berufsfachschule oder Hochschule kann die Unterstützung bei Fahrtkosten einen großen Mehrwert bieten. Wie auch schon bei den Benefits sollte hier ein offener Dialog gesucht werden, um zu schauen, an welchen Stellen am besten unterstützt werden kann. So können zukünftige Fachkräfte schon frühzeitig wertgeschätzt und gebunden werden. 

Übrigens: Wie es nach der Ausbildung in den Beruf geht, haben wir in unserem Artikel zur Zulassung als Heilmittelerbringer festgehalten. 


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