7. April 2021

Online-Sprechstunde – Ein Erfolgsfaktor für Heilmittelerbringer

0  Kommentare

Die Welt der Heilmittelerbringer verschiebt sich außerhalb der Praxis immer mehr ins Digitale: Google-My-Business Einträge und eine eigene Website helfen bei der Gewinnung und Ansprache von Patienten, eine Online-Terminvereinbarung nimmt die Bürokratie aus der Praxis und schafft kundenfreundliche und flexible Lösungen und auch das Recruiting im Zeitalter des Fachkräftemangels muss digital sein, um die besten Talente zu gewinnen. 

Doch neben all diesen digitalen Angeboten, die den Alltag für Therapeuten und Patienten einfacher machen sollen, gibt es mittlerweile auch digitale Angebote für die Behandlung selbst: Online-Sprechstunden. Was bisher nur für Ärzte und Psychologen möglich war, steht jetzt auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Diättherapeuten offen.  

Inhalt

In diesem Artikel erfährst du...

Was eine Online-Sprechstunde ausmacht

Wer Online-Sprechstunden anbieten kann

Welche Vorteile du dadurch hast

Welche Voraussetzungen du erfüllen musst

Digitalisierung in der Medizin 

Die Digitalisierung bringt große Änderungen in fast allen Bereichen des Lebens mit sich, die Chancen und Herausforderungen zugleich sind. So ist es auch in der Medizin. Auf der Seite der gematik heißt es nicht umsonst: “Die Digitalisierung des deutschen Gesundheitswesens ist eines der größten IT-Projekte Europas.” Um die deutsche Gesundheitsversorgung erfolgreich weiterzuentwickeln, ist das Vorantreiben der Digitalisierung in diesem Feld ein zentrales Ziel der Regierung. Die e-Health-Initiative des Bundesgesundheitsministeriums verbindet Medizin und Digitales mit verschiedenen Projekten, wie der elektronischen Patientenakte, dem elektronischen Rezept, einem neuen Zugang zu digitalen Gesundheitsanwendungen, sogenannten “Apps auf Rezept” oder beim Vorantreiben der Telemedizin. Besonders für Heilmittelerbringer interessant ist die Online-Sprechstunde. 

Was ist eine Online-Sprechstunde? 

Eine Online-Sprechstunde ist der “digitale Besuch” beim Heilmittelerbringer. Dieser Austausch per Video ist nahezu an jedem Computer mit Kamera und Mikrofon, aber auch via Tablet oder Handy möglich. Es kann sowohl um ein erstes Kennenlernen gehen oder das Einholen einer Einschätzung oder zweiten Meinung, als auch um die Durchführung eines konkreten Therapie- und Übungsprogramms unter therapeutischer Anleitung. 

Wer kann eine Online-Sprechstunde anbieten? 

Vor der Corona Krise waren Online-Sprechstunden eher eine Seltenheit und in vielen Bereichen gesetzlich auch nicht erlaubt. Die zunehmende erfolgreiche Einbindung von digitalen Lösungen in die Gesundheitsversorgung und nicht zuletzt der “Zwang” durch die Pandemie haben Online-Sprechstunden mittlerweile zu einem immer beliebter werdenden Instrument gemacht. 

Die Regelung, mit der Online-Sprechstunden auch Heilmittelerbringern ermöglicht werden, wurde ein weiteres Mal bis zum 30.09.2021 verlängert.  


Für folgende Leistungen ist derzeit eine Videobehandlung erlaubt: 

  • Stimm-, Sprech-, Sprachtherapie mit Ausnahme der Schlucktherapie, 
  • Ergotherapie, 
  • Ernährungstherapie,
  • Physiotherapie für die Übungsbehandlung gemäß § 19 Absatz 3 Nummer 1a, für die allgemeine Krankengymnastik (KG und KG-Atemtherapie) gemäß § 19 Absatz 3 Nummer 3a sowie für die Krankengymnastik-Mukoviszidose gemäß § 19 Absatz 3 Nummer 3c

In diesen Fällen ist auf der Rückseite der Verordnung die Therapie als Videobehandlung mit einem „V“ bzw. „Video“ zu kennzeichnen. Im Bereich der Ernährungstherapie ist eine erneute Beratung bei bereits begonnener Behandlung in geeigneten Fällen auch als telefonische Beratung möglich. In diesen Fällen ist auf der Rückseite der Verordnung die Therapie als „T“ bzw. „Telefon“ zu kennzeichnen. Weitere Details stellt der GKV Spitzenverband auf seiner Website und in folgendem Dokument zusammen. Die Abrechnung von Teletherapie über die Krankenkassen ist möglich. All diese verlängerten Ausnahmeregelungen gelten derzeit bis zum 30.09.2021. 

Derzeit in Planung ist darüber hinaus das im Januar 2021 beschlossene „Gesetz zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege“ (GDMVP), was Mitte 2021 in Kraft tritt. Telemedizinische Leistungen werden damit auch für Heilmittelerbringer und Hebammen ermöglicht, sodass keine Sonderregelungen und Ausnahmen (wie derzeit) mehr nötig sind. 

Vorteile einer Online-Sprechstunde 

Eine Online-Sprechstunde bietet viele Vorteile für Therapeuten und Patienten. Derzeit vor allem relevant ist der Schutz vor einer Verbreitung und Ansteckung, der bei dieser kontaktlosen Methode selbstverständlich gewährleistet ist. 

Breitere Zielgruppe

Digitale Angebote sind ortsunabhängig und erreichen somit einen größeren Radius (v.a. relevant in strukturschwachen Regionen) und Patienten, die sonst ggf. nicht in eine Praxis gekommen wären (immobile Patienten/Patienten in Pflege(-einrichtungen), Personen mit chronischen Krankheiten, Patienten mit Angststörungen).

Komfort, Servicequalität

Die Beratung kann in den eigenen vier Wänden oder einem anderen Ort der Wahl stattfinden und ist damit unkomplizierter und angenehmer, als ein Besuch in einer Praxis.

Integration

Übungen können direkt in das häusliche Setting übertragen werden, sodass Patient und Therapeut testen und sicherstellen können, dass sie tatsächlich Zuhause durchgeführt werden können.

Flexibilität

Es gibt keine Anreise, keine Wartezeit, keine unerwarteten Zwischenfälle und daher auch weniger Ausfälle.

Kontinuität

Oftmals führt nur eine kontinuierliche Behandlung zum Erfolg, sodass eine Online-Sprechstunde gerade während der Corona Pandemie eine durchgängige Behandlungs- und Trainingsfrequenz ermöglichen kann, wenn Einheiten in der Praxis nicht möglich sind.

Kontrolle

Ein über die Behandlung hinausgehendes Monitoring von Risikopatienten (z.B. mit hoher Sturzgefahr) kann unkompliziert und ohne großen Aufwand stattfinden.

Die Online-Sprechstunde ist für mobil eingeschränkte Menschen eine echte Chance.

Die Online-Sprechstunde ist für mobil eingeschränkte Menschen eine echte Chance.

Regularien, Vorgaben & Co 

Bei allen Vorteilen gibt es auch immer wieder kritische Stimmen, die vor allem den Datenschutz betreffen. Gesundheitsdaten unterliegen einem besonderen Schutz, da es hier um höchstpersönliche und sensible Informationen gibt, die nicht für fremde Augen bestimmt sind. Daher gibt der Gesetzgeber hier einige Rahmenbedingungen: 

Einverständniserklärung

Jeder Patient muss einer digitalen Behandlung bzw. Online-Sprechstunde vor dem Start zustimmen und eine Einverständniserklärung unterschreiben.

Datenschutz

Zertifizierte Anbieter von Videosoftware sind ebenso wichtig, wie das datenschutzkonforme Aufbewahren von Unterlagen zu einer Online-Sprechstunde. Eine Liste zertifizierter Videoanbieter findet Du auf der Seite der KBV. Auf der sicheren Seite bist Du in der Regel, wenn Du Anbieter auswählst, die in Deutschland oder der EU sitzen und dort auch ihre Server betreiben, da sie damit an die DSGVO (Datenschutz-Grundverordnung) gebunden sind und hohe Datenschutzrichtlinien einhalten müssen.

Verordnungsmuster

Ist eine telemedizinische Leistung aus therapeutischer Sicht möglich und sinnvoll, muss mit vorheriger Einwilligung des Patienten auf der Rückseite der Verordnung die Therapie mit einem “V” oder “Video” als Videobehandlung gekennzeichnet werden. Die Behandlungsbestätigung durch den Versicherten kann dann ebenfalls auf elektronischem Weg (z.B. per E-Mail) erfolgen.

Umgebung

Du solltest vor einer digitalen Behandlungseinheit sicherstellen, dass die Videotherapie in Räumen stattfindet, die genügend Privatsphäre bieten - sowohl beim Dir als auch bei Deinen Patienten. Der Patient sollte im besten Fall allein und ungestört in einem Raum sein, der genügen Platz für Übungen bietet. Du als Therapeut kannst entweder in Deiner Praxis sein oder in einem neutralen Privatraum, der nicht ablenkt, beispielsweise in Deinem Büro oder in einer ruhigen Ecke in Deinem Wohnzimmer. 

Neben den Regularien sollten Heilmittelerbringer immer individuell prüfen, ob eine Videobehandlung bei einem Patienten sinnvoll ist. Die folgenden Kriterien können Dir bei einer ersten Beurteilung helfen. 

Dein Patient...

.. besitzt Zugang zu stabilem Internet, einer Kamera und einem Mikrofon

.. ist kognitiv in der Lage einer Videobehandlung zu folgen und ohne taktile Reize durch Dich Bewegungsaufträge und Übungen umzusetzen. 

.. ist nicht akut sturzgefährdet. 

.. hat ausreichend Platz Übungen sicher vorzuführen und eigenständig durchzuführen. 

.. hat eine Erkrankung, die keiner besonderen Schutzmaßnahme bedarf (z.B. eine Bewegungslimitierung), die durch Dich sichergestellt werden muss. 

Auch eine Betreuung von neuen Patienten ist nicht ausgeschlossen. Hier solltest Du als Therapeut jedoch im digitalen Bereich etwas mehr Zeit zum Kennenlernen und Ausprobieren von Übungen einplanen, da neue Patienten oftmals mehrere Rückfragen haben oder Du Bewegungsabläufe mehrfach vormachen und erklären musst, bevor sie richtig umgesetzt werden können.  

Wie Du eine Online-Sprechstunde schnell und effektiv bei Dir in der Praxis einsetzen kannst, zeigen wir Dir Schritt für Schritt hier.

Exkurs: Wichtige Begriffe aus Digitalisierung und Medizin

Um den Überblick nicht zu verlieren, stellen wir die wichtigsten Begriffe und zentrale Gesetzesgrundlagen in diesem Feld vor, die Grundlage für ein Verständnis der Online-Sprechstunde und weiterer digitaler Gesundheitsangebote sind. 

E-Health: E-Health steht für “electronic health”. Die WHO definiert e-Health als “kostengünstigen und sicheren Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien, um die allgemeine Gesundheit und gesundheitsbezogene Bereiche zu fördern.” 

Telematik: Der zusammengesetzte Begriff aus Telekommunikation und Informatik beschreibt eine Technik, welcher die beiden Bereiche verknüpft, und umfasst im Kernbereich vor allem Rechnernetzwerke, wie das Internet und Telefon- oder Mobilfunknetzwerke.  

Telematik-Infrastruktur (TI): Die Telematik-Infrastruktur ist das digitale Gesundheitsnetz - die “Datenautobahn” - für Deutschland. Sie soll alle Beteiligten im Gesundheitswesen (d.h. Ärzte, Zahnärzte, Psychotherapeuten, Krankenhäuser, Apotheken und Krankenkassen) miteinander vernetzen und einen sicheren Informationsaustausch garantieren. Der Anschluss an die TI ist derzeit für Hebammen und Physiotherapeuten, sowie Pflege- und Rehabilitationseinrichtungen freiwillig möglich. Eine verpflichtende Verordnung von Heilmitteln in elektronischer Form ist vom BMG für 2026 geplant. Um das umzusetzen, sollen neben Physiotherapeuten daher bis 2026 alle Heilmittelerbringer an die TI angeschlossen sein. 

Telemedizin: Die Telemedizin ist ein Teilbereich der Telematik. Es ist ein Sammelbegriff für verschiedene Versorgungskonzepte in den Bereichen Beratung, Diagnostik, Therapie und Rehabilitation, die über räumliche und zeitliche Entfernungen hinweg erbracht werden können. Möglich gemacht wird Telemedizin mit digitalen Kommunikations- und Informationssystemen. Vor allem im ländlichen Raum ergeben sich hier in Zukunft viele Vorteile für eine medizinische Versorgung. 

Teletherapie: Die Teletherapie ist wiederum ein Teilbereich der Telemedizin (wie z.B. auch Teledermatologie oder Telechirurgie) und beschreibt den direkten Austausch zwischen Arzt bzw. Therapeut und Patient. Videotelefonie oder eine Online-Sprechstunde sind Beispiele für eine Teletherapie. 

Die Gesetzesgrundlage: Das erstmals 2015 erlassene Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (E-Health-Gesetz) gibt den gesetzlichen Rahmen für den Aufbau einer sicheren Telematikinfrastruktur und die Einführung medizinischer Anwendungen. Das 2020 in Kraft getretene „Gesetz für eine bessere Versorgung durch Digitalisierung und Innovation“ (Digitale-Versorgung-Gesetz – DVG) hat es darauf aufbauend zum Ziel, digitale Netzwerke im Gesundheitsbereich auszubauen. Die Online-Sprechstunde ist eine der vielfältigen Möglichkeiten, die in diesen Bereich fällt. 


Das könnte dich auch interessieren:

Frag den Profi – Interview mit Claudia Fröhlich zum Thema Weiterbildungen

Heilmittelzulassung: Was du bei der Antragsstellung beachten solltest

Wie du mehr Selbstzahler:innen für deine Praxis gewinnst

Frag den Profi – Interview mit Christin Sauer zum Thema Website

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}
>